Alle Opfer verdienen unseren Respekt!

Raif Badawi, Charlie Hebdo und der radikale Islam

Die schockierenden Ereignisse der vergangenen Wochen – von den Terrorangriffen in Paris über die Auspeitschung Raif Badawis bis hin zu den Massakern in Nigeria und Pakistan – verdienen alle die gleiche Aufmerksamkeit und vorbehaltlose Empörung, meint die jemenitisch-schweizerische Politologin Elham Manea.

Ich betrachte die Welt als eine, die aus vielen einzelnen Punkten besteht. Und wenn ich diese miteinander verbinde, sehe ich das Antlitz eines Menschen. Es gibt nur diese eine Welt – ob es einem gefällt oder nicht. Geteilte Menschlichkeit, geteiltes Schicksal.

Ich neige nicht dazu, singuläre Ereignisse in den Fokus zu rücken, sondern versuche stets das große Ganze zu sehen – den globalen Kontext. Auch auf diese Weise lassen sich die einzelnen Punkte erkennen: Und wenn man sie miteinander verbindet, sieht man, wie der Fall Raif Badawis verbunden ist mit dem Fall "Charlie Hebdo", mit den Gewaltexzessen von Boko Haram in Nigeria und mit den Angriffen Al-Qaidas auf Jemeniten, die ein religiöses Fest feiern und mit dem Massaker, das die Taliban an Schulkindern im pakistanischen Peshawar begingen.

Wie oft schon haben Sie diesen Satz gehört: "Die große Mehrheit der Opfer islamistischer Extremisten lebt in islamischen Ländern." Oft sind die Opfer selbst muslimischen Glaubens (ob sunnitisch oder schiitisch). Oder es sind Bürger christlicher, jüdischer, jesidischer Herkunft. Oder sie folgen den Traditionen der Ahmadiyya oder der Bahai. Oder aber es sind Atheisten, Menschen, die einfach anders denken, von Frauen und Homosexuellen ganz zu schweigen.

Aber das alles scheint die Menschen nicht zu beeindrucken. Sie nicken immer nur beiläufig und schreien nur dann laut, wenn etwas in ihrer unmittelbaren Nähe passiert.

Empört Euch!

Etwa 2.000 Zivilisten wurden von der nigerianischen Extremistenorganisation Boko Haram ermordet, und das innerhalb von nur zwei Tagen! Das passierte in der gleichen Woche, in der sich die Anschläge auf "Charlie Hebdo" in Paris ereigneten. In der gleichen Woche! Ich warte noch immer darauf, dass jenen Opfern eine ähnliche Solidarität zuteil wird, wie den Opfern und Angehörigen der Attacke auf "Charlie Hebdo".

Erweisen Sie diesen Nigerianern den gleichen Respekt! Empören Sie sich! Es geht nicht um die Zahl der Toten. Es geht nicht um ihre Hautfarbe und auch nicht um ihre Nationalität – ob es sich nun um Afrikaner oder Europäer handelt. Es geht um das menschliche Antlitz! Und das zählt.

Ein Mensch wurde getötet – im Zeichen einer globalen Bedrohung. Genau das ist es, was zählen sollte. Denn diese Bedrohung ist real und betrifft uns alle. Sie hat einen Namen: der militante islamistische Extremismus. Wir sitzen alle im gleichen Boot – ob uns das gefällt oder nicht.

Und hier kommt Raif Badawi ins Spiel. Hier verbinden sich die Punkte. In seinem Fall, wie bei den Journalisten von "Charlie Hebdo", geht es um Meinungsfreiheit. Raif Badawi wurde zu zehn Jahren Haft und 1.000 Peitschenhieben verurteilt, weil er die Auswüchse des religiösen Establishments im saudischen Königreich kritisiert hatte. Er schuf ein liberales Forum, schrieb einen Blog, und dafür wurde er ausgepeitscht. Sowohl die Journalisten von "Charlie Hebdo" als auch Raif Badawi äußerten lediglich ihre Meinung und griffen dabei auf ein universelles Grundrecht zurück, das der Presse- und der Meinungsfreiheit.

Kein Raum für kulturellen Relativismus

Es gibt keinen Raum für kulturellen Relativismus. Ohne Meinungsfreiheit gibt es überhaupt keine Freiheit. Man muss nur an all die autoritären und theokratischen Staaten in der Welt denken: das, was ihnen, abgesehen von ihren Menschenrechtsverletzungen, allen gemein ist, ist die Missachtung der Meinungsfreiheit.

Es gibt noch andere Punkte, die sich miteinander verbinden lassen. Diejenigen, die die Journalisten in Paris getötet haben, waren Anhänger eines gewalttätigen islamistischen Extremismus. Jene, die Raif auspeitschen, sind Anhänger eines nicht-gewalttätigen islamistischen Extremismus. Die ersteren töten im Namen Gottes; letztere verletzen im Namen Gottes.

Beide Gruppen aber – der gewalttätige und der nicht-gewalttätige islamistische Extremismus – sind auf globaler Ebene miteinander verwoben. Das Königreich Saudi-Arabien exportiert über seine transnationalen Kanäle seine Sicht eines nicht-gewalttätigen Extremismus, vergiftet damit die Quelle des Islam und radikalisiert junge Männer und Frauen auf der ganzen Welt. Genau diese Interpretation bereitet den Pfad für die Botschaft des politischen Islam und in letzter Konsequenz, für den Rückgriff auf Gewalt.

Wenn wir von Saudi-Arabien fordern, Raif Badawi und seinen Anwalt Waleed Abulkhair freizulassen, und wenn wir darauf bestehen, dass das Königreich internationale Menschenrechtsstandards einhält und seine Bürger – Männer wie Frauen – als Menschen behandelt, die mit einem gleichen Maß an Würde und Rechten ausgestattet sind, wenn wir all das tun, dann fordern wir zugleich auch das Ende des Exports eines weltweiten nicht-gewalttätigen Extremismus. Zu viel Leid ging von dieser Ideologie aus – und das in vielen Teilen der Welt, im Norden ebenso wie im Süden.

Verbinden wir also die Punkte miteinander und erkennen wir die globale Bedrohung, mit der wir konfrontiert werden. Verbinden wir sie, um wieder das menschliche Antlitz darin zu erblicken. Wir gehören zusammen, ob es uns gefällt oder nicht. Vereint in Menschlichkeit und im Schicksal.

Elham Manea

© Qantara.de 2015 - https://de.qantara.de/inhalt/raif-badawi-charlie-hebdo-und-der-radikale-islam-alle-opfer-verdienen-unseren-respekt

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

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